Max Schirmer und sein DEMEGRAPH 13

(Meßrechner für das graphische Gewerbe)

Der Faber-Castell-Rechenschieber Demegraph 2/66, später 111/66, ist ein außergewöhnliches, seltenes Sammlerstück, das mit zu den Glanzstücken einer Sammlung gehören dürfte. Es sind in Sammlerkreisen etwa 5 oder 6 Stück bekannt (2/66). Dabei gab es diese erste Ausführung sogar nicht nur als deutsche, sondern auch als englische und französische Version.

Aus schlagfestem, weißem Astralon-Plattenmaterial (ausgefräßt), 325 x 75 x 7 mm, mit umgreifendem, verschraubtem Läufer, festem Stabboden, schmalem Schieber. Alle Skalen fotochemisch aufgetragen.

Doch zuerst zu dem Erfinder und Lizenzgeber Max Schirmer: Schirmer war ein sehr erfolgreicher Verlagsbuchhändler, aber auch großer Fachmann auf dem Gebiet der Drucktechnik. Er wohnte in Hamm/Westfalen, als er 1951 sein Modell für Fertigung und Vertrieb anbot. Es war bereits ein Prototyp ( Sammlung Heinz Joss) vorhanden, den Schirmer sich hatte fertigen lassen (Hersteller nicht bekannt) und sicherlich auch schon vertrieben hat.

Er trug die Bezeichnung:

Meßrechner für das graphische Gewerbe

Konstr. Schirmer gesetzl. gesch.

als Logo DEMEGRAPH Sundwig Hemer (Westf)

(Bei Sundwig/Hemer ist stark anzunehmen, daß Schirmer zu dieser Zeit in Sundwig gewohnt hat, Sundwig ist also auf keinen Fall der Hersteller)

Diese Angaben waren an der rechten Seitenkante vertikal angeordnet.

Mit seiner ,,Erfindung” hatte sich Schirmer sehr an das bereits bekannte (aber nicht verwirklichte) Patent DRP 440886 von 1925 von Constantin Batista (bereits abgelaufen) angelehnt, allerdings noch einige bedeutende Erweiterungen eingebracht, wodurch er mit Hilfe des Faber-Castell-Patent-Ingenieurs ein neues Patent erlangen konnte (DBP 804932 von 1952 s. Anlage).

Max Schirmer, sehr dynamisch und beredt, auch mit sehr optimistischen Statistiken über Zielgruppen, geschätzten Absatzzahlen, eigenen vorgesehenen Marketingaktivitäten auf Messen (drupa – Düsseldorf z.B.), angekündigten Vorträgen in Fachschulen usw., überzeugte die Verantwortlichen, und Faber-Castell nahm den Demegraph in sein Sortiment auf (s. Anlage). Das Erstmodell erhielt weitere Anwendungsmerkmale, die (bereits vorhandene) Rechenstab-Skalenanordnung A!B – C!D des Erstmodells (s. oben) wurde auf DF!CF – Cl-C!D (DF!CF um 3,6 versetzt) geändert.

Mit dem Lizenzvertrag brachte Schirmer aber auch ein nach neuesten Erkenntnissen gestaltetes Typometer (Zeilenmesser) ein, das aus transparentem Astralon gesondert gefertigt und vertrieben wurde.

Während nun der DEMEGRAPH sich, nach ersten “Anfangserfolgen”, in den folgenden Jahren sehr schleppend verkaufte, wurde das Typometer 20/66, später noch mit den Zusatzvarianten 20/66S und 20/66SL (s. Anlage) , sehr erfolgreich mit relativ hohen Stückzahlen und guten Erlösen.

Der Demegraph war (wegen der geringen Losgrößen, aber auch von der Konstruktion her) sehr kostenintensiv. Er hatte einen Ladenpreis von DM 45.- (1955), doppelt so hoch als z.B. der Holz-Darmstadt 1/54, ein für damalige Verhältnisse hoher Preis.

Wegen des zusätzlichen recht hohen Aufwands für Anleitung, Werbemittel usw. konnte von einer Rentabilität nicht gesprochen werden. Dazu kamen Einbußen durch Bereitstellung der französischen und englischen Version (wiederum mit entsprechenden Anleitungen, z. B. auch italienisch zum franz. Modell), die sich dann sehr wenig verkauften.

Was leistete der Demegraph 13 ? (Siehe Abbildung) (Es sei darauf hingewiesen bzw. eingeräumt, daß die nachfolgend beschriebenen Anwendungen keine Rechenschieber-Relevanz haben).

Neben verschiedenen unbedeutenderen Möglichkeiten, wie Berechnung von Papierlaufrichtung, Buch-Rückenbreiten, Papiergewicht und kaufmännischen Rechnungen (wie Disponent, aber ohne LL-Skalen) hatte er eine zielgruppenorientierte Hauptfunktion: Vom Autor (Manuskript) über den Layouter bis zum Setzer die Errechnung des Buchstabeninhalts einer Seite (Schreibmaschine oder auch Druck) zur Umsetzung auf eine vorgegebene Formatgröße des Drucksatzes entsprechend der geforderten Schriftgröße und Schriftart. Das deutsche (und französische) Modell war auf das Didot-Punktsystem ausgerichtet. Das englische Modell auf das angelsächsische Pica-point system.

Auf der Vorderseite waren querlaufend die fünf wichtigsten Schriftgrößen und eine Schreibmaschinenschrift angeordnet. Man legte die linke Kante des Einschnitts oben am Beginn der obersten Zeile des Manuskripts (meist Schreibmaschinenschrift) an. Der linke rote Läuferstrich wurde am rechten Zeilenende angeschlagen. Darunter konnte man dann die Buchstabenanzahl der Zeile ablesen (zwischen den Richtzahlen wurden die Buchstaben hinzugezählt). Am unteren Rand war dann ein Zeilenmesser für einzeilige, 1-1/2 und zweizeilige Schreibmaschinenschrift. Man arbeitete wie oben (aber senkrecht) und erhielt die Zeilenanzahl einer Schreibmaschinenseite.

Die Rückseite trug ein (schon bekanntes) Typometer für die Zeilenanzahl von Druckschriften von 6 12 Punkt Didot ( Punkt Didot typographischer Punkt = 0,3759 mm). Hier ging man wieder vor, wie oben geschildert, d.h. man legte den oberen Rand z.B. der 8 Punkt (Borgis)-Skala an der Oberlänge des ersten Buchstabens der 1. Zeile an, verschob den Läufer so weit nach unten, bis sein oberer Rand die Unterlänge der letzten Zeile erreichte. Dann konnte man die Anzahl der Zeilen bestimmen.

(Zuvor konnte man die Schriftgröße des Manuskripts ermitteln, indem man die Oberlänge (eines Großbuchstabens) bis zur Unterlänge (z.B. des g) ausmaß. Diese beiden gedachten Begrenzungslinien wurden mit einem entsprechenden Abstand zweier Zeilenstriche z.B. in der 8 pt Borgis-Skala in Deckung gebracht, d.h. Ober- und Unterlänge mußten genau dazwischen “passen”. Dann wußte man sofort, in welcher pt.-Skala man die Zeilenanzahl ablesen mußte.

Buchstabenanzahl und Zeilenanzahl wurden dann mit Hilfe des Rechenschiebers multipliziert.

Dann wurde das vorgegebene Format durch entsprechende Verkleinerung oder Vergrößerung unter Verwendung der geeigneten kleineren oder größeren Schrift wieder mit Hilfe der oben geschilderten Vorgehensweisen festgelegt.

Darüber hinaus bot der Demegraph natürlich mit seiner Konstruktion (logarithmische Skalen, Stabkörper, Schieber und Läufer) auch die Grund-Rechenarten und kaufmännisches Rechnen als echter Rechenschieber an!

Um 1956 wurde eine neue Konstruktion (111/-) gewählt, da die Astralon (Platten)-Verwendung durch Spritzguß abgelöst wurde. Es entstand das Modell 111/66. Es war ein reiner Rechenschieber geworden (Vorderseite Prozentuale Zu- und Abschläge , DF!CF, CI, C!D Schieberrückseite LL1, LL2,C) und graphische Sondermarken.

Die Schriften von 6pt. bis 12pt. für die Schriftbreiten (quer) und zwei Schreibmaschinenskalen (senkrecht, für Zeilenanzahl) wurden auf der Rückseite untergebracht.

Für das so wichtige Ausmessen (Zählen) der Zeilen (von oben nach unten) der einzelnen Schriftarten mußte nun zusätzlich ein Typometer gekauft und benutzt werden.

Abschließend kann man sagen, daß der Demegraph in all seinen Varianten kein Erfolg war. Der Abnehmerkreis war zu klein, wobei man bei derartigen Sondermodellen immer von einem Anteil von Käufern bzw. Verwendern von unter 10% ausgehen konnte.

Die angestrebten Absatzzahlen wurden bei weitem nicht erreicht, eine bittere Lehre, die auch für weitere Spezialrechner galt, bis man, durch Erfahrung klug geworden, auf die weitere Aufnahme von Sonder-Rechenschiebern verzichtete, wenn sie auch noch so vehement und überzeugt von ihren Erfindern vorgetragen wurden.

(Allerdings gab es noch in diesen Jahren in dieser Reihe die Modelle 2/62 Dywidag, 2/77 System Römer, 2/84 Mathema, wobei der letztere der erfolgreichste war).

Heute sind sie , wie der Demegraph, sehr seltene und gesuchte Sammlerstücke.

© Copyright 1999 Dieter von Jezierski