Rechenschieber-Verkaufsstrategie der Dreißiger-Jahre!?

Betrachtet man Kataloge aus den dreißiger Jahren der drei großen deutschen Hersteller, zeigt sich Erstaunliches.

Entgegen allen betriebswirtschaftlichen Regeln (eine Agentur MCKinsey hätte viel zu tun gehabt) gab es ein sehr breit gefächertes Angebot von Rechenschiebern, die in der Mehrzahl nur geringe und geringste Unterschiede aufwiesen.

War es eine Entwicklung, die sich zwangsläufig daraus ergab, daß zu dieser Zeit, nach Inflation und Arbeitslosigkeit, mit steigender Kaufkraft auch eine höhere Nachfrage gegeben war? Lag es daran, daß auch vielfach mehr ingenieurmässiges Arbeiten gefordert und damit dieser Abnehmerkreis sehr im Steigen begriffen war?

Hatten bei den Herstellerfirmen die Kaufleute das Sagen, die durch eine große Produktpalette ihre Umsatzchancen und -erfolge erhöhen wollten? War es eine Forderung des Fachhandels, entsprechend den Erwartungen der Verbraucher?

Alle diese Fragen stellen sich, wenn man die so geringfügigen Unterschiede der zu dieser Zeit angebotenen Modelle betrachtet.

So gab es Unterscheidungen nach:

“grober” Teilung oder “feiner” Teilung

mit oder ohne Überteilung

mit oder ohne Reziprokteilung,

mit halbzylindrischem Lupenläufer

mit Einstrichläufer

mit Dreistrichläufer

teilweise mit Sonderskalen nach Wunsch (z.B. System Hohenner)

wobei eigentlich alle Typen dem System Mannheim ( Nestler = ohne Reziprokskala bzw. FC = Technischer Normalstab) oder anschließend dem System RIETZ entsprachen. Dazu kam dann noch, daß bei den Skalenlängen teilweise eine Aufgliederung nach 12,5 ; 15 ; 20 ; 25 ; 30 ; 35 ; 50 ; 60 ; 100 cm erfolgte.

Man fragt sich, wie dieses riesig aufgeblähte Sortiment fertigungstechnisch bewältigt wurde. Hier war doch eine rationelle Fertigung und Lagerhaltung gar nicht möglich?! Waren hier lauter “Einzelkämpfer” am Werk, die im Fertigungsablauf kleinste Losgrößen vom Rohling bis zum Ritzen der Teilung bearbeiteten? Welche Unzahl von Halbfertigfabrikaten, Einzelteilen (z.B. Läufer) und dann Fertigfabrikaten mußten hier “verwaltet” werden!

Und das setzte sich ja beim Fachhandel fort, der zu einer entsprechenden Lagerhaltung gezwungen war, wenn er nicht überhaupt nur nach Bedarf beim Hersteller orderte und dann später an den Interessenten lieferte bzw. verkaufte. Wenn vielleicht noch der Hersteller selbst “durchblickte”, so war das beim “Fachhändler” sicherlich schon nicht mehr gegeben. Und der Käufer selbst? Konnte er aus diesem verwirrenden Angebot tatsächlich die geeignete Auswahl treffen? Welche Bedeutung konnte es wohl für ihn haben, wenn er einen Rechenschieber mit 12,5 ; 15 oder 20cm-Skalenlänge erwarb? In den meisten Fällen war es ja doch ein Erstkauf, der Käufer war noch gar nicht mit dem Rechenschieber vertraut. Wie konnte er dann bewerten, was ihm eine zusätzliche Reziprokteilung oder eine Überteilung brachten, oder aber, wie konnte er ermessen, ob eine grobe oder feine Teilung für ihn günstiger seien.

Der Händler selbst war zu einer fachmännischen Beratung in den meisten Fällen nicht in der Lage. Fast muß man vermuten, daß oft der Zufall eine Rolle spielte.

Heute sind natürlich diese vielen Varlanten für den engagierten Sammler interessant; aber auch er muß sich mit dem Angebot vertraut machen und sich dann eher sogar “spezialisieren”. Es wird aber gar nicht möglich sein eine komplette Serie “zusammenzubringen.”

Nehmen wir noch einige Beispiele, nach den Beschreibungen in den Katalogen:

Im Katalog von 1931 bietet Nestler für das Profimodell RIETZ an

23/1 (Läufer mit 1 Strich) ohne Reziprokskala 25cm

23/3 (Läufer mit 3 Strich) ohne Reziprokskala 25cm

22R/3 Strich mit Reziprokskala 15cm

23R/1 Strich 25cm

23R/3 Strich 25cm

23aR/1 Strich 36cm

24R/3 Strich 50cm

24R/1 Strich 100cm

*22L mit Lupenläufer 15cm

*23L mit Lupenläufer 25cm

*23aL mit Lupenläufer 35cm

*24L mit Lupenläufer 50cm

*22E Imitation Elfenbein 15cm

*22E Imitation Elfenbein 25cm

In die gleichen Kategorien kann man die Faber-Castell-Rechenschieber des Katalogs von 1932 einreihen

389 Technischer Normalstab 10cm

369 12,5cm

326 15cm

360 25cm

380N 50cm

363 mit erweiterter Bezif. 25cm

361 mit erweiterter Bezif. 25cm

391 ohne *Bodentellung 25cm

321 ohne Überteilung ohne Bodentlg. 25cm

386 System Rietz 12,5cm

375 System Rietz 25cm

394 System Rietz ohne *Bodenteilung 25cm

397 System Rietz mit reziproker Teilung 12,5cm

387 System Rietz mit reziproker Teilung 25cm

385N System Rietz mit reziproker Teilung 50cm

Dennert & Pape wäre einer weiteren Studie wert.

Hier sei nur gesagt, daß sich z.B. das Rietz-Angebot in Grenzen hielt, andererseits Dennert & Pape zu dieser Zeit eine große Zahl von Spezial-Rechenschiebern anbot, die wohl auch keine großen Stückzahlen ergaben.

Fürwahr eine breite Produkalette in dieser Zeit! Und nun sammelt mal schön!

Copyright 1999 Dieter von Jezierski